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Rechte Einflüsse im “Hate-Core”



"Shaved for Battle" Stars & Stripes

Wut und Hass im Wandel

 

“Hate-Core” bietet Neonazis und anderen Rassisten wie kein anderer Musikstil des RechtsRock ein Forum, das, hätte es noch nicht existiert, von ihnen hätte erfunden werden müssen. Das neonazistische Welt- und Feindbild und der hieraus resultierende Hass wird über die Musik dieses Genres noch weiter emotional geschürt. Deshalb erfreut sich “Hate-Core” unter den “Hardlinern” der Szene auch großer Popularität. Die Faszination am Image “Hate-Core” kann auch von all jenen geteilt werden, die der musikalischen Seite dieser Stilrichtung nichts abgewinnen können. Den Auswirkungen dieser Entwicklung gilt es besondere Beachtung zu schenken, da es sich hierbei um einen erneuten Qualitätssprung handelt.

 

Ein Rückblick zur Entstehung von “Hate-Core”

 

Der “Hate-Core”-Stil entspringt der amerikanischen Hardcore-Szene und war ursprünglich nicht rechts determiniert, wie vielleicht der Name vermuten ließe. Kreiert wurde der Begriff “Hate-Core” von der New Yorker Hardcore-Band “SFA”, die 1990 diese Bezeichnung auf dem Rückcover ihres Debütalbums “The New Morialty” verwendeten. Wörtlich lautete die Inschrift des Logos “New York City Hate-Core”. Die inzwischen nicht mehr existierende Band entstammte der links-alternativen Punkszene New Yorks und löste durch den Slogan “Hate-Core” einen regelrechten Hype aus. Doch schon recht frühzeitig wurde diese neue Begriffsschöpfung begierig von jenen aufgegriffen, denen “SFA” gewiß keinerlei Sympathie, sondern nur Hass entgegenbrachte. Der Begriff “Hate-Core” breitete sich schnell, geradezu inflationär innerhalb der amerikanischen Hardcore-Szene und der Musikpresse aus. Diese Entwicklung hatte nicht unwesentlich damit zu tun, dass sich die Hardcore-Szene der 90er Jahre großteils von ihren Wurzeln in der Punk-Szene gelöst und eine inhaltliche Neuausrichtung vorgenommen hatte. Der Hardcore verlor an sozialkritischem Bezug, was mit der Kommerzialisierung des boomenden Crossover, also der musikalischen Verbindung von Hardcore und Heavy Metal zu einer neuen Stilrichtung einher ging. “Harte” Musikstilarten standen in den 90er Jahren hoch im Kurs und erreichten Mainstream-relevante Bedeutung. Um deren Öffnung gegenüber rechten Inhalten zu verstehen, bedarf es eines Rückblickes in die 80er Jahre des Punks.

Schon zu Beginn der 80er Jahre öffnete sich die amerikanische Hardcore-Szene dem englischen OI, der sich in England, der Heimat der Punk-Bewegung, großer Beliebtheit erfreute. Durch OI erfuhr der Skinhead-Kult in England ein weiteres Revival, nachdem sich die erste Welle der Skinheads von Anfang der 70er Jahre nahezu in der Bedeutungslosigkeit befand. Doch die Roheit und Energie von Punk sprach auch zunehmend Skinheads an, die sich mit Streetpunk und OI ein eigenes Genre schufen. Die Unterschiede zum herkömmlichen Punk drückten sich nicht nur musikalisch aus, sondern äußerten sich auch durch das inhaltliche Ablösen vom Punk-Background. So handelten die Texte der Streetpunk/OI-Bands größtenteils von Alkohol- und Gewalt-Exzessen beim Fußball oder auf der Straße. Das sozialkritische Element des Punks wurde abgelegt und sich neuen ‚Werten‘, wie Männerbündelei, Gewaltfixierung und Sinn stiftendem Stolz auf die eigene Zugehörigkeit zur “Working Class” zugewandt. Der nihilistischen “No Future”-Haltung des Punk wurde von den Skinheads im OI-Spektrum die (Rück-)Besinnung auf bürgerliche Werte entgegengesetzt. Als Begleiterscheinung dieser Entwicklung folgten patriotische bis nationalistische Töne, die zu einer Radikalisierung von Teilen der Szene führten. Ausdruck dieser Entwicklung war die inhaltliche Ausrichtung hin zur rechten “Rock Against Communism (R.A.C.)”-Variante. “R.A.C.” wuchs zu einer nationalistischen Strömung im OI-Bereich, was Mitte der 80er Jahre zur Gründung der neonazistischen “Blood & Honour”-Bewegung führte.

 

Die amerikanische Hardcore-Szene bekam diese Entwicklung erst mit zeitlicher Verzögerung zu spüren. Anfang der 80er Jahre setzte sich der Skinhead-Kult zunächst lediglich als subkulturelles Erscheinungsbild in Amerika durch. Die erste dem englischen Skinhead-Look entsprechende amerikanische Band mit musikalischen OI-Einflüssen war “Iron Cross” aus Washington. Deren erste Single erschien 1982 unter dem, den Skinhead-Kult Lob huldigenden Titel “Skinhead Glory” und enthielt mit dem Song “Crucified” eine spätere Hymne der Skinhead-Szene. Obwohl “Iron Cross” inhaltlich nicht nach rechts tendierte, bedienten sie durch den Einsatz einschlägiger Symbolik aber ein eben solches Image. Neben ihrem Bandnamen in altenglischer Schrift zierte das Cover ihrer zweiten Single “Hated and Proud” von 1983 ein Eisernes Kreuz. Die deutsche Kriegsauszeichnung “Eisernes Kreuz” wurde in Teilen der Hardcore-Szene der damaligen Zeit als Symbol für Stolz, Zusammenhalt und Stärke verwendet.

Gerade innerhalb der New Yorker Hardcore-Szene begeisterte und beeinflußte OI zahlreiche Bands und Szene-Angehörige. Bands wie “Agnostic Front”, “Cro-Mags” oder “Cause For Alarm” traten schon in den frühen 80er Jahren optisch als Skinheads in Erscheinung. In New York tauchten dann auch die ersten Skinhead-Gangs auf, wobei diese, entsprechend den verschiedenen ethnischen Herkünften der BewohnerInnen der Viertel, keine reinen ‚weißen‘ Gangs waren. Analog zu den englischen Skinheads entwickelte sich aber auch in den USA ein Patriotismus, der dann eine neue Ära einleitete.

 

Patriotischer Punk?

 

In der zweiten Hälfte der 80er Jahre traten vermehrt Bands mit rechtem Image und rechten Inhalten innerhalb der Hardcore-Szene in Erscheinung. Auf dem 1987 erschienenen Debütalbum “Don´t Forget The Struggle, Don`t Forget The Streets” der 1982 gegründeten New Yorker Band “Warzone” befand sich neben der Abbildung des “Eisernen Kreuzes” in den Farben der amerikanischen Flagge auch der Song “Fighting For Our Country”. In diesem Stück heißt es u.a.: “Communist, and the people who always put us down: [...] Because of them - fighting for Our Country...”.

Nur ein Jahr später tauchte mit der Band “Youth Defense League” die erste “R.A.C.”-Hardcore-Band in New York auf. Neben ihren patriotischen Texten outeten sich “YDL” im Interview mit dem britischen neonazistischen “Blood & Honour”-Magazin im Winter 1987 als “pro-American, Nationalist, anti-Communist Band”. Im Booklet der 1988 veröffentlichten Compilation “New York City Hardcore - The Way It Is” grüßte die Band dann auch folgerichtig die “R.A.C.”-Bands “Skrewdriver” und “Brutal Attack”. Außerdem wurde ihr die Möglichkeit gegeben, im Booklet ein Foto zu veröffentlichen, das die Band vor einem “R.A.C.”-Banner zeigt. Bei “New York City Hardcore - The Way It Is” handelte es sich um ein Labelsampler des alternativen Hardcore-Labels “Revelation Records”. Neben Szenegrößen wie “Sick Of It All” oder “Youth Of Today” durfte hier also auch “Youth Defense League” die damalige Hardcore-Szene von New York repräsentieren. Dabei wurde selbst in alternativen, aus dem Punk-Background entstandenen Strukturen am amerikanischen Prinzip vom “freedom of speech” festgehalten..

 

Im Sog dieser Entwicklung wurde auf dem vom Sänger der legendären Hardcore-Band “Slapshot” gegründeten “Patriot”-Label die patriotischen Bands “Stars & Stripes” und “Forced Reality” veröffentlicht. Das noch heute aus “Slapshot”-Musikern bestehende Bandprojekt “Stars & Stripes” erfreut sich wegen der bei “Slapshot”-Konzerten live gespielten “Stars & Stripes”-Songs besonderer Popularität, insbesondere in der rechten Szene, die über die Neuauflage einstiger “Stars & Stripes” Platten bei RechtsRock-Labels gezielt bedient wird. So findet sich neben der Neuauflage von “Youth Defense League”-Platten auch das 1989 veröffentlichte “Stars & Stripes”-Debütalbum “Shaved For Battle” beim amerikanischen RechtsRock-Label “Vulture Rock” wieder. In Europa wurde die CD-Version von “Shaved For Battle” bei einem Unterlabel des deutschen RechtsRock-Labels “Rock-O-Rama” wieder veröffentlicht.

 

Nächster Entwicklungsschritt: “White Power Hate-Core”

 

Nachdem gegen Ende der 80er Jahre in den USA die ersten Hardcore-Bands mit rechtem Background in Erscheinung getreten waren, fand in den 90er Jahren eine Entwicklung zum “White Power”-Hardcore statt. Nach dem Auftauchen des von “SFA” geprägtem Begriffes “Hate-Core” (1990) setzte zunächst ein inflationärer Gebrauch dieses Schlagwortes als stilistische Bezeichnung für alle möglichen Bands ein. Auch Neonazis entdeckten diesen Begriff für sich und griffen ihn auf. Neben dem Kopieren der Musik, unterlegt mit rechten Texten, fand aber hier vor allem eine Neuorientierung und Ausrichtung des Images “Hate-Core” zu einer “White Power”-Variante statt. Schon in der ersten Hälfte der 90er Jahre gründeten sich Bands wie z.B. “Aggravated Assault” und “Intimidation One”, die den “Hate-Core”-Stil musikalisch aufgriffen. Spieltechnisch war ihre Musik eine Mischung aus Hardcore- und Metal-Elementen. Spätere Bands, wie z.B. “Blue Eyed Devils”, “Dying Breed” und andere folgten. Mitte der 90er Jahre puschten u.a. die Labels “Resistance Records” und “Tri-State-Terror” “Hate-Core” in Amerika. Besonders das “Resistance” Label mitsamt seines gleichnamigen RechtsRock-Musikmagazins prägte rechten “Hate-Core” als neues Genre.

Gleichzeitige wurde die Bedeutung von “Hate-Core” als Image bewußt forciert. So wurde z.B. eine Split-Veröffentlichung der Bands “Aggravated Assault” und “Blue Eyed Devils” von 1996 unter dem Titel “Hate Crimes” veröffentlicht. Dieser Begriff faßt in Amerika rassistisch motivierte Straftaten zusammen, die sich gegen Personen, deren Besitz oder die Gesellschaft richten. Neonazis griffen den Begriff “Hate Crimes” bewußt als Imageelement auf und brachten damit ihre Ablehnung gegen die gesellschaftliche Ächtung von rechten Gewaltverbrechen und die hieraus resultierenden Strafgesetze zum Ausdruck.

Auch in Europa spielten Ende der 90er Jahre erste neonazistische Bands “Hate-Core”, so z.B. “Iron Youth” aus Griechenland, “Torquemada 14/88” aus Spanien oder “Archivum” aus Ungarn. In Deutschland veröffentlichte die süddeutsche Band “Hate Society” 1998 mit “Hell’s Your Place” ihr “Hate-Core”-Debüt. Unter dem Namen “Strength thru Blood” brachten Teile von “Hate Society” und der englischen Band “Razors Edge” eine CD heraus, aus deren Cover-Gestaltung und Texten ein eindeutiges Bekenntnis zum Nationalsozialismus hervorgeht.

 

Über diesen musikalischen Rahmen hinaus gab es auch bald die ersten Bemühungen, das Image “Hate-Core” professionell zu vermarkten. 1998 gründete sich in Oberhausen mit der “Germany Hate-Core Production” der erste Vertrieb, der bewußt auf dieses neue rechte Image von “Hate-Core” setzt. Die Betreiber Marcus Kerst und David Kornowski, denen sogar Kontakte in das “Blood & Honour”-Spektrum nachgesagt werden, unternahmen den Versuch, mit ihrer “Hate-Core”-Textilmarke in die unterschiedlichsten subkulturellen Szenen zu gelangen (siehe hierzu den Artikel “Germany Hate-Core Production” in LOTTA Nr.6)

 

Neben diesem Textilversand gründeten sich mit “Hate Records” und “Hate Sounds” auch Tonträgervertriebe in Deutschland, die den “Hate-Core”-Boom aufgriffen und ihn durch ihre Namensgebung zum Ausdruck brachten. Besonders der brandenburgische “Hate Sounds”-Versand mit angeschlossenem gleichnamigen Label bemüht sich um die Verbreitung von rechtem “Hate-Core”. Der im Herbst 2000 unmittelbar nach dem Verbot der deutschen “Blood & Honour”-Sektion über das “Hate Sounds”-Postfach in Erscheinung getretene Versand versuchte, über sogenannte Streetwear-Produkte wie T-Shirts und andere Textilien das Image “Hate-Core” als rechte Einstellung zu vermarkten. Dafür bedient er sich der Marken “hatecrime” und “Hatecore-HC”, um diese Begriffe von rechts neu zu besetzen. “Hatecore-HC” wird durch den erweitereten Zusatz “politically incorrect” und den damit gemeinten Bruch mit einer linken politischen Moral aus seinem Punk-Kontext gerissen. Mit dem Motiv “hatecrime” und dem Rückenaufdruck “fuck the system” wird die Ablehnung von Strafgesetzen in Bezug auf rechte Gewaltverbrechen zum Ausdruck gebracht.

 

Als Fazit bleibt zusammenzufassen, dass sich Neonazis inzwischen den aus dem amerikanischen Hardcore-Punk stammenden Slogan “Hate-Core” als “White Power”-Variante angeeignet haben. Dabei setzen sie besonders auf das damit verbundene Image von “Hass”, das wegen ihres eigenen Hanges zur Gewalttätigkeit als authentisch gilt. Hardliner der Neonazi-Szene vermarkten dieses Image mittels Textilien mit entsprechenden Motiven sowie “White Power Hate-Core”-Musik. Gleichzeitig fördern sie damit aber auch dieses Image und verhelfen ihm zu Verbreiterung.

Dieser Entwicklung versucht seit einiger Zeit, die alternative Hardcore-Szene entgegenzutreten, indem sie die “Good Night White Pride” Kampagne ins Leben rief. Deren Zielsetzung ist das Zurückdrängen von Neonazis und anderen Rassisten sowie die Verteidigung von öffentlichem Raum vor rechter Einflussnahme.

 

Von Ingo Taler (Der Artikel erschien in der Lotta #12)


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