 | Es ist nicht nur „Backstreet Noise“ – es ist das Klima |
Rechtsrock in Chemnitz
Als am 22. Dezember 2003 der 2. Strafsenat des Berliner Kammergerichts gegen Michael Regener, André Mörike und Christian Wendorff die Urteile sprach, ging ein in Deutschland bisher wohl einzigartiger Gerichtsprozess gegen die Mitglieder einer Musikgruppe zu Ende. Die Mitgleider der Berliner Band „Landser“ wurden u.a. wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung nach Paragraf 129 verurteilt.
Regener, Bandleader und Rädelsführer, bekam eine Freiheitsstrafe von
drei Jahren und vier Monaten, Schlagzeuger Wendorff wurde zu einem Jahr und zehn Monaten und Bassist Mörike zu einem Jahr und neun Monaten Haft verurteilt. Die beiden letzteren Strafen setzte der Senat zur Bewährung aus. Zudem haben sie jeweils 90 Stunden gemeinnütziger Arbeit in einer jüdischen oder in einer Ausländer integrierenden Einrichtung abzuleisten.
Die Geschichte der selbsternannten „Terroristen mit E-Gitarre“ begann 1992 im Judith-Auer Jugendclub im Ostberliner Stadtteil Lichtenberg. Nach einigen Konzerten und Demoaufnahmen war es 1995/ 96 soweit, der erste musikalische Erguss wurde in Form der CD „Republik der Strolche“ aufgenommen und vertrieben. Aufgenommen wurde die CD im Tonstudio des Naziclubs Walhalla im südschwedischen Helsingborg. Verkauft wurden die Tonträger über den dänischen Versand NS 88 (2000 Stück) und deutsche Händler (5000 Stück). Für das zweite Album „Rock gegen Oben“ (1998) wurde mit Hilfe der us-amerikanischen Neonaziband Bound For Glory in deren Studio in St. Paul/ Minnesota eingespielt und anschließend in Paketen zu 50 Stück an den holländischen Zwischenhändler Viking-Sounds verschickt. Dort wurdensie letztlich von deutschen Kurieren abgeholt . Der Vertrieb in der Bundesrepublik wurde direkt von Blood & Honour sowie durch „vertrauensvolle“ CD-Händlern vorgenommen.
Die dritte und letzte CD “Ran an den Feind” (2000) wurde in Großbritannien in einem professionellen Londoner Studio aufgenommen. Maßgeblich beteiligt an der Produktion war der Chemnitzer Jan Werner (Movement Records/ Wilsdruff bei Dresden).
Da Landser vorab 10.000 DM pro Bandmitglied haben wollten, wird hier deutlich, dass es auch in dieser Szene um Geld, viel Geld, geht. Dies wurde auch Jan Werner im Jahre 1998 zum Verhängnis, als ihm von Blood & Honour vorgeworfen wurde, keine Erträge aus dem Vertriebs- und Labelgeschäft abgeführt zu haben. Daraufhin trat ein Teil der Leute aus der B & H Division Sachsen und die B& H Sektion Sachsen trat aus der Division Deutschland aus.
Dass auch Jan Werner ein ganz Großer in der Neonazi-Musikszene ist, zeigen nicht nur seine langjährigen Aktivitäten, sondern auch seine guten Kontakte ins Ausland. Vor allem in die USA, wo für den Nazilabel „Panzerfaust-Records“ die letzte Landser CD "Best of Landser" produziert wurde. Im Zuge der Ermittlungen gegen die Mitglieder von Landser wurde auch Jan Werner 2001 mit verhaftet und zu einer mindestens 6-monatigen Haftstrafe verurteilt. Mittlerweile hat er diese verbüßt und wurde auch schon auf Konzerten im Chemnitzer Raum gesehen.
Rechtsrock ist in Chemnitz leider kein neues Problem. Schon Mitte der 90er Jahre existierten in Chemnitz mehrere Fanzines („Foier Frei“ als das Bekannteste, „Der Wachturm“ aus Hohenstein-Ernstthal sowie „Der Henker“ und „Brauner Besen“ von denen Ausgaben indiziert wurden, genau wie von dem Zine „Alex Company"). Zur Zeit sind das „Foier Frei“ sowie „Der Panzerbär“ (ehem. Land Brandenburg) als Chemnitzer Fanzine’s aktiv. Zusätzlich erschien mittlerweile die erste Ausgabe des „White Victory“-zine aus Penig (25 km nördlich von Chemnitz), welches jedoch vornehmlich aus Konzertberichten bestand.
Die erste größere regionale Band war Mitte der 90er Jahre „AEG“ („Auf Eigene Gefahr“) aus Chemnitz. Der Herausgeber des „Foier Frei“ Jens Schaarschmitt stand bei ihr am Mikro. Zwar kam die Band nicht über ein paar Demo‘s hinaus, jedoch stellte sie eine feste Größe im deutschen Rechtsrock dar. Auch konzertmäßig war in den 90er Jahre die Gegend um Chemnitz sehr beliebt. Zu Konzerten in Penig waren mitunter bis zu 600 Leuten anwesend, wenn Bands wie „Noie Werte“, „Brutal Attack“ oder auch „Celtic Warrior“ aufspielten. Im Annaberger „Chicago-Club“ waren neben NS-Black Metal Bands, wie „Barad Dür“ auch die us-amerikanische Hatecoreband „Blue Eyed Devils“ mehr als einmal zu Gast. Gegen ein Konzertverbot mit „Thorshammer“ und „Proissenheads“ am 19.10.1996 klagte der Wirt sogar.
Die Besitzer der Örtlichkeiten in Penig (Kulturhaus) und in Annaberg-Buchholz waren wie so oft dem Reiz des schnellen Geldes erlegen, was auch reichlich floss. In Penig kam es jedoch auf öffentlichen Druck von Seiten der Stadt als Vermieter zu einem baldigen Ende der Nazikonzerte. Auch in Annaberg-Buchholz war es Ende der 90er Jahre aus mit Konzerten, jedoch lag es daran, dass der Clubbesitzer in einer Nacht und Nebel Aktion verschwand.
Bezeichnend für anhaltende Aktivitäten vor Ort dürfte auch sein, dass die einzigen vollständig durchgeführten Blood & Honour Konzerte nach dem Verbot im Jahr 2000 im Chemnitzer Umland stattfanden. Es liegt die Vermutung nahe, dass das Anfang Oktober 2001 als Geburtstagsfeier getarnte Nazikonzert in der Gartensparte "Sommerlust" in Chemnitz-Bernsdorf im Zusammenhang mit dem Verbot von Blood & Honour von der Polizei aufgelöst wurde. Bei dieser Auseinandersetzung gab es laut Presse einige Verletzte beiderseits.
Auf Rechtsrockkonzerten treten neben internationalen Bands auch oftmals lokale Chemnitzer Gruppen auf. Aktiv sind zur Zeit vor allem „Blitzkrieg“ und, wieder, „Might Of Rage“. „Blitzkrieg“ veröffentlichten 2001 eine Split-CD („German-British-Terrormachine II“) mit „Warhammer“ aus England auf Movement Records. „Blitzkrieg“ ist eh eine sehr aktive Band, fast jedes Wochenende wird zu Konzerten geladen, so dass dem interessierten Rechtsrockfan immer was geboten wird.
Erst vor kurzem kam es nach drei Jahren Ruhe wieder zu einem Rechtsrockkonzert in Chemnitz. Am 29. Februar 2004 spielten die erwähnten „Blitzkrieg“ zusammen mit „Radikahl“ vor ca. 250 bis 400 Leuten im sonst als Technoclub bekannten "8. Mai". Der Inhaber bekam eine Anfrage, ob es wohl möglich wäre, sich zu einer Veranstaltung einzumieten. Gewählt als Grund wurde diesmal keine sonst so beliebte Geburtstagsfeier, sondern ein Konzert mit Fußballmusik. Unterschrieben hat den Vertrag ein gewisser Enrico „Malte“ Malt, unter anderem zeitweise über die „Cobra-Security“ als Security im 8. Mai an der Tür, genauso wie zwei Bandmitglieder von „Blitzkrieg“. Hinter der ganzen Sache steckt vermutlich ein weiterer bekannter Chemnitzer Rechtsaktivist, der ehemalige Inhaber des Nazi-Ladens „Backstreet Noise“ und Labelbetreiber („PC-Records“), Hendrik Lasch.
Einzigartig ist in Chemnitz, dass seit fast vier Jahren ein Ladengeschäft inklusive Versandhandel („Backstreet Noise“) in der Robert-Siewert-Str. 34 besteht, ohne dass es jemals zu öffentlichen Protesten kam. Der momentane Inhaber ist Silvio Strauch, welcher Hendrik Lasch ablöste. Strauch hat seine Hauptadresse in Dresden, wo er einen zweiten Laden betreibt. Lasch besitzt jedoch noch das Patent auf den Namen „Backstreet Noise“ und betreibt vermutlich nur noch das dazugehörige Label „PC-Records“. Er bestellte zeitweise indizierte Nazimusik, beispielsweise die Produktionen der in den 90er Jahren führenden Berliner Neonaziband „Macht und Ehre“. Die erste CD „Neue Zukunft“ von deren Nachfolgeprojekt „Schwarzer Orden“ wurde als Kopie bei PC- Records, aufgelegt. (Nahkampf/Schwarzer Orden: Ehre, Freiheit, Vaterland, PC Records 002)
Zwar wird die Polizei öfters im Laden vorstellig und verursacht allein durch ihre Anwesenheit kurze Zeit später hektische Telefonanrufe, ob den irgendwas anstößiges gefunden wurde. Zwar mag im Laden offiziell nichts Verbotenes angeboten sein, allerdings kann man sich selbst zusammenreimen, was eventuell „unter dem Ladentisch“ den Besitzer wechselt.
Veröffentlicht wurden auf dem Label (Backstreet Noise sowie PC-Records) bisher ca. zehn CD‘s, u.a. von „Atria“, „Betrayed Blood“ sowie der Bremer Hooligan-Band „Kategorie C“ welche selbst in Hool-Kreisen mehr als umstritten ist.
Ein weiterer Versandhandel ist der N-Versand, welcher seine Homepage auf Oliver Reh, Paul-Bertz-Straße 60 in 09120 Chemnitz, angemeldet hat. Das interessante dabei ist, dass die Zustelladresse, Paul Bertz Straße 56, die selbe wie eines gewissen Herrn Laschs ist - Zufälle gibt’s!
Aber auch das Chemnitzer Umland ist mit einigen Läden und Versänden bestückt, wo zum Teil alte Szenekameraden ein neues Standbein sich geschaffen haben. Ein gutes Beispiel ist dafür der Sonnentanz-Versand mit Sitz in Limbach-Oberfrohnah. Inhaber ist der ehemalige „Foier Frei“- Herausgeber und „AEG“ - Sänger Jens Schaarschmitt, welche auch einen weiteren Laden in Aue hat.
Unter der selben Adresse in Aue ist auch der Endzeit-Versand zu finden, welche auch als Label (dann unter dem Namen „Endzeitklänge“) fungiert. So wurden dort Tonträger folgender Bands veröffentlicht: „AEG“ (Chemnitz), „Before God“ (USA - Nebenprojekt von „Bound For Glory“, einer der führendsten us-amerikanischen Neonazibands), „Confident Of Victory“ (Senftenberg), „Kreuzfeuer/ Kroizfoier“ (Leipzig/ Altenburg), „“Keine Reue/ Might Of Rage“ (Chemnitz), „Solution“ (Leipzig) und „Sturm & Drang“ (Senftenberg).
In diesem Netz ist ein weitere Laden in Chemnitz/ Rabenstein, mit eingewoben, der seit 2001 exisitierende „Ravenstone“. Die Inhaber sind Michael Probst (vermutlich Mitglied der Naziband „Kreuzfeuer“) und ein gewisser Stephan Neumann. Jener Neumann besitzt das Namens- und Bildpatent für das Label „Endzeitklänge“.
Im November/ Dezember 2003 hat ein letztlich ein weiterer Laden in Chemnitz mit Namen „Ragnarök“ in Chemnitz/ Sonnenberg (Ecke Ziethen-/ Sonnenstraße) eröffnet. Dieser Laden zeichnet sich durch schwarz-weiß-rote Schrift auf den Schaufenster und stets geschlossener Tür (obwohl innen Licht brennt) aus.
Wie gezeigt wurde, ist Chemnitz leider ein gutes Pflaster für neofaschistische Geschäftemacher und Aktivisten. Besonders durch den erwähnten „Backstreet Noise“ Laden wurde eine Anlaufstelle geschaffen, wo immer öfters nicht nur rechte Szenegänger anzutreffen sind. Auch die politisch unmotivierte Jugend aus dem Umland hat den Laden als „Einkaufsparadies“ für Markenkleidung entdeckt. Von da kann es ein kleiner Schritt sein, bis auch die ersten Tonträger gekauft werden. Da die Stadt bisher noch nicht eingegriffen hat, liegt es an einem selbst, dagegen etwas zu tun. Es ist leider nicht nur „Backstreet Noise“ und „Blitzkrieg“ - es ist das Klima.
hellpunk
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