 | Interview mit Martin Büsser |

Wie und auf welche Weise lassen sich politische Inhalte mittlels Musik verbreiten? Reicht da der Text oder auch nur die Musik?
Das eindeutigste ist immer der Text, über die Textebene kannst du Musik politisch verorten. Aber die Musik spielt denke ich auch noch mal eine Rolle, also auch Instrumentalmusik kann politisch sein. Nur wäre da die Frage worüber definiert sich in einem solchen Fall das politische, in welchen Clubs und Läden treten die Bands, wie verorten sie sich selber. Wenn du da eine klare Position hast, kannst du als Band politisch rüberkommen, ohne daß du ganz strenge politische Agit-Prop-Sachen machen mußt. Ein Beispiel was ich auch heute Abend nennen werde, ist Fugazi. Jeder weiß das Fugazi eine linke Band ist, obwohl sie nie wirklich politische Agit-Prop-Texte hatten. Das wissen die Leute, weil die Band sowohl von der Labelpolitik wie auch dort wo sie auftreten, oder was sie für Benefizkonzerte sie geben usw. sich über die Jahre hinweg eindeutig politisch positioniert haben. Es gibt ganz verschiedene Faktoren mit denen du als Musiker zeigen kannst, wo du politisch stehst. Wobei ich jetzt noch nicht auf Klangästhetik eingegangen bin, aber das ist dann auch immer das heikelste Thema. Das problematischste ist, zu fragen, gibt es rechte oder linke Elemente die aus der Musik herauszuhören sind. Da gibt es natürlich die These, Marschrhythmus eher rechts, aber das ist alles ziemlich problematisch und das kann man nie verallgemeinern. Dazu gibt es auch zu viele Gemeinsamkeiten zwischen zum Teil linken und rechten Musikästhetiken, das geht soweit zurück, daß die Nazis einige kommunistische Arbeiterlieder übernommen haben und dazu einen anderen Text geschrieben haben.
Für mich stellt sich da die Frage, ob für gewisse Strategien oder Methoden die Gesellschaft an sich nicht schon politisch aufgeladen sein muß, jetzt aber ziemlich für die Katz sind. Z.B. bei so einer Band wie den Goldenen Zitronen, die sehr politisch sind und das ziemlich komplex mit vielen Verweisen ausdrücken, es die Leute aber nicht kapieren, nicht kapieren wollen oder gar kein Interesse daran haben.
Das ist das Dilemma in dem so eine Band wie die Goldenen Zitronen oder auch viele andere aus der Ecke, Knarf Rellöm auch. Also Musiker die eigentlich ziemlich klar eine politische Gegenstellung gegen diesen ganzen Nationalisierungssumpf beziehen, allerdings auch für sich entschieden haben, auch in ihrer Ästhetik, daß du diese Gegenstellung eigentlich nur noch in einem Feld beziehen kannst, wo du immer kontextueller arbeitest und damit auch immer nur noch Spezialisten erreichst. Es gibt glaube ich wenige Leute die aus diesem Spezialistending so richtig rausgekommen sind. Klar, Rocko Schamoni hat auch "antideutsche Sachen" gemacht aber auch er ist so ein Insiderding. Er hat es nie geschafft so populär zu werden wie z.B. die politischen Texte von BAP, deshalb bleibt immer die Frage wieviel Kompromisse gehst du ein. Die Goldenen Zitronen sind relativ kompromislos, sowohl was die Texte als auch die Musik angeht, aber dafür nehmen sie auch in Kauf das sie nie über eine gewisse Anzahl von Publikum hinauskommen.
Die Goldenen Zitronen bieten auch für viele Leute, dadurch das und wie sie sie Pop machen, in gewisser Weise die Möglichkeit sich das anzuhören ohne sich großartig einen Kopf zumachen. Sie sind nicht so direkt agitatorisch, das man sich gestört fühlen muss, d.h. man kann sich das nett als Kunststudent sich das anhören und denken,”ach nette Musik, gefällt mir”, ohne irgendwas politisch daraus mitzunehmen. Im Prinzip ist es dann wieder wie bei Punk und Hardcore, das es dann nur eh wieder den Kreis von Leuten trifft, die sowieso schon den kritischen Kontext haben, d.h. daß es doch wieder nur beim “preaching to the converted” bleibt.
Wobei ich bei den Zitronen gar nicht so sicher wäre, wenn du sie live hörst, ob das so einfach nebenher konsumierbar ist. Das gilt dann wahrscheinlich eher für so eine Band wie die Sterne, die Zitronen bauen schon so akustische Speerangeln ein. Im Prinzip kannst du dem “preaching to the converted” nur entgehen, indem du eine andere Form wählst und wenn diese andere Form massenkompatibel ist, was Leute wie Chumbawamba oder Rage against the machine versucht haben. Dann müssen die allerdings wiederum feststellen, daß sie von vielen Leuten gehört werden, aber ein Großteil überhaupt nicht auf die Texte achtet. Das heißt Chumbawamba, oder vielleicht Rage against the machine noch mehr, haben das zigfache an Käufern gegenüber den Zitronen, aber auch genau so viele Leute, die sich das reinziehen ohne da politisch weiterzudenken. Es gibt kein Patentrezept dafür.
Das ist dann also doch wieder vom gesellschaftlichen Kontext abhängig.
Ja, das denk ich schon. Aber da spielen natürlich auch andere Faktoren eine Rolle, wie Medienpräsenz zum Beispiel. Die Goldenen Zitronen werden nicht im Radio gespielt, die Gesellschaft würde wahrscheinlich anders aussehen hat einer mal von denen, ich glaube Schorsch Kamerun war es, gesagt, wenn solche Musik im Radio laufen würde.
Mitte der 90iger Jahre gab es von Heinz Rudolf Kunze den Vorschlag, eine Quotierung von deutscher Musik im Radio durchzusetzen. Siehst du da eine weitere Entwicklung, auch jetzt aktuell mit dem Bezug zu MIA?
Ich denke das ist ein Selbstläufer geworden, was Kunze und ähnliche Leute damals in Gang gebracht haben, hat nicht in eine Radioquotierung gemündet, aber in diesen Nationalisierungsdiskurs. Und der ist von verschiedenen Seiten aufgegriffen worden. Es ging ja los mit VIVA, die gesagt haben, “wir,haben im Prinzip eine solche Quote, bei uns wird so und soviel deutschsprachige Musik gespielt”. Ich denke das von Mitte der 90iger bis heute fand eine Mentalitätsverschiebung statt, die sich darin ausdrückt, daß sich plötzlich viele Musiker auf das Deutschsein positiv beziehen. Aber das sogar von Musiker die aus einer Ecke kommen, wo man zuerst gedacht hatte, das wäre eher eine linksalternative Ecke, siehe MIA. Andererseits, vielleicht darf man keine Missverständnisse aufkommen lassen, bereits zu Zeiten der Neuen Deutschen Welle gab es auch schon solche Stimmen. Also so von wegen, Deutschland hat eine eigene Popsprache und so weiter.
Das ist dann abgeebbt und in den Neunzigern auch durch die Wiedervereinigung wieder alles hochgekommen und hat sich politisch aufgeladen. Von wegen wir bauen uns jetzt unsere Nation, die stolz nach vorne blickt. Da denke ich sind wir an einem Punkt, wo Gegenstimmen immer seltener werden und so jemand wie MIA, na ja die lösen innerhalb der Linken zwar noch Kontroversen aus, in so einem Umfeld wie dem Conne Island, aber in der Öffentlichkeit wird das gar nicht problematisiert was die machen. Da wurden Rammstein vor 10 Jahren größer öffentlich thematisiert und im nachhinein muss ich sagen, sind Rammstein wahrscheinlich ungefährlicher als MIA. Weil Rammstein spielen immer noch mit der Fratze des Faschismus, bei MIA ist es dieses bunte flippige deutsche, was ja viel subtiler ist. Das ist schon ziemlich tricky.
Wobei man ja im HipHop das gleiche beobachten kann. Ich habe letztens auf VIVA ein Video von einer Combo mit migrantischen Hintergrund gesehen die vor einer schwarz- rot- gold gestrichenen Wand standen. Da dachte ich cool, die sind auch angekommen.
Ja.
Das paßt ja auch etwas zu dem Vorwort von deinem Buch “ Wie klingt die neue Mitte”, wo Du schreibst, daß eine Fixierung auf Rechtsrock auch gefährlich ist, da sie ausblendet, daß bestimmte nationalistische Versatzstücke im Mainstream und Pop-Mainstream angekommen sind. Im Gegensatz zu den Debatten Mitte der 90er mit Gorny und Kunze läuft die Nationalisierung vielleicht mittlerweile auch sehr stark unbewußt ab, z.B. könnte man ja bei MIA sagen, daß das einfach nur naive Trottel sind. Siehst Du da Leute oder Kampagnen, die das wirklich gezielt und bewußt vorantreiben.
Das ist jetzt aber schwer. Mit den Kampagnen müsstest du wahrscheinlich richtig in die wirtschaftliche Ebene gehen und schauen ob es Labels gibt die das fokussieren. Bei Rammstein was das ja ein bisschen so, das Motor Music auch das Image der Band mit aufgebaut hat. Ich glaub eher inzwischen daß das Ding deswegen zu einem Selbstläufer geworden ist, weil es nicht mehr als Problem öffentlich diskutiert wird. Während der Quotendebatte gab es immerhin noch Gegenstimmen und Kunze hat von einigen was auf den Deckel gekriegt. Aber inzwischen hab ich das Gefühl das ist für viele überhaupt kein Thema mehr, sondern es ist allgemein normal geworden, das deutsche Image in der Popmusik als nicht nur normal sondern als toll, nach dem Motto ”wir sind wieder wer, zu sehen. MIA begründen das ja auch so, sie beziehen sich nicht auf rechte Tugenden, sondern sie beziehen sich darauf: “Wir sind eine weltoffenes Land geworden, wir sind wieder Weltbürger”, also sie kommen ja mit solchen Argumenten. Im Gegenzug entsteht das Problem, daß damit überhaupt nicht mehr die Geschichte dieses Landes aber auch die Gegenwart und z.B. die Asylpolitik überhaupt nicht mehr in Frage gestellt. Es wird einfach nur noch gesagt, wir sind ein internationales und tolles Volk geworden.
Wenn du schreibt, daß mittlerweile rechte Versatzstücke in den Popmainstream einziehen, aber Leute wie Kunze eigentlich keine Rechten sind, stellt sich da die Frage, wie lange, bis zu welcher Grenze sind das keine Rechten? Ist das ein Auseinanderbrechen von dem klassischen rechts-links- Schema?
Das ist schwer, z.B. hieß mal, Joachim Witt kann kein Rechter sein weil er ist PDS-Mitglied. Ich glaube es gibt unter der Linken oder selbstgenannten Linken auch einen Nationalismus und dadurch ist auch Unterscheidbarkeit schwieriger geworden. Weil viele von denen die sich an dieses National-Ding gehangen haben, sehen sich aus einer traditionell linken Ecke kommend. Eine Biografie ist Wolfgang Niedecken von BAP, der aus dieser ganzen Anti-AKW und sonst was Ecke kam, bzw. da zumindest immer aufgetreten ist, dann aber bei den Bomben auf Jugoslawien den Regierungskurs angenommen hat. Es ist schwer mit diesen ganzen Biografien, da muss man echt im Einzelfall sehen, daß die Leute parallele Entwicklungen wie unsere Politiker genommen haben.
Aber meinst Du, daß sich mittlerweile im Pop auch Leute mit einem geschlossen rechten Weltbild durchsetzten könnten ?
Nein, so pessimistisch bin ich dann doch nicht. Ich glaube nicht das so eine Band wie Landser selbst wenn sie musikalisch von einem Produzententeam geglättet werden würden, das die eine Chance hätten.
Da ist ja noch die Frage der Unterscheidung zwischen den Sachen, die ganz klar zu dem Nazi-Ding gehören, und Sachen die auf eine andere Art rechts sind. Z.B. Stoiber mag ja auch keine Nazis, ist aber ganz klar ein Rechter. Ich meine jetzt mit dem geschlossen rechten Weltbild nicht unbedingt gleich das Nazi-Ding, sondern vielleicht auch ein geschlossen konservatives Weltbild.
Ich überleg gerade. Also was müssten die propagieren und wie müssten sie es rüberbringen. Oder anders gefragt, wo beginnt das rechte? Ist nicht ein Element was im Pop eine Rolle spielt, dieses neoliberale “sich durchsetzen”, dieses insistieren auf jung und dynamisch. Sind da nicht auch schon Elemente drin, die dem kapitalistischem Prinzip entsprechen? Und da gibt es natürlich viele die genau so was propagieren, die überhaupt gar keine Kritikebene haben.
Das sind vielleicht die Stellen wo es kniffelig wird, z.B. in diesem “unpolitischen” Oi- Bereich oder im HipHop, wo bestimmt keine Stiefelnazis auftauchen. Da ist die Frage inwieweit sich dort rechte Strukturen ausbreiten können? Oder sind das lediglich Versatzstücke?
Der “unpolitische” Oi- Bereich ist schon eine zweischneidige Sache, weil da dort akzeptiert wird, dass das Publikum sehr undurchsichtig ist. Das kann ich zu einer Band sagen die ich kenne, Springtoifel aus Mainz, die sich selbst als “unpolitisch” bezeichnen, die aber keine Probleme damit haben wenn in ihrem Publikum irgendwelche White Power – Typen sind. Wenn du dich nicht eindeutig positionierst, finde ich das feige.
Wenn du sagst, daß solche Bands wie Landser sicher nie in den Popmainstream eingehen könnten...
Zumindest nach der jetzigen Situation gibt es da noch eine Hemmschwelle.
Aber wenn man sich z.B. die Zillertaler Türkenjäger anschaut, das war total breit gestreut und wurde auch von Leuten gehört die selber wahrscheinlich als gar nicht politisch bezeichnen würden, die das aus Spaß gehört haben oder weil sie es eine krasse Musik fanden.
Das ist die Frage. Meinst du den Bekanntheitsgrad oder die Kanäle, die ihnen ein Forum geben? Das ist glaub ich noch mal ein Unterschied. Bekannt sind die Böhsen Onkelz und die verbotenen Sachen von denen kursieren auf Kassetten in der Szene ohne Ende. Weil die ganzen Fans wollten natürlich auch die ganzen alten Onkelz- Sachen haben. So gesehen war die Band populär und ist es bis heute. Aber die Kanäle die so was spielen usw. die gibt es nicht.
Mal eine Frage nach einem mehr oder weniger positiven Ausblick. Am Ende von “Wie klingt die neue Mitte” schreibst du, daß es 2001 schon Musiker im HipHop wie z.B. Jan Delay oder Brothers Keeper gibt die sich im Mainstream klar gegen Nationalismus positioniert haben. Wie sieht das jetzt aus ?
Das hat sich sehr schnell wieder gelegt. Zumindest hier in Deutschland ist es so das der HipHop wieder diese individualistische Schiene angenommen hat. Die Leute singen über Liebesgeschichten, gerade durch das starke Element von RnB das hinzugekommen ist. Xavier Naidoo hat seine christliche Schiene weitergefahren und von Jan Delay, soll auch eine christliche Platte kommen. Diese ganzen Leute sind wieder ganz schnell weggegangen, die haben sich kurz positioniert und das war alles ziemlich geballt, in einem Zeitraum von einem Jahr. Ich sehe da jetzt mittlerweile keine stärkere Bewegung mehr. Also aus heutiger Sicht müßte ich das schon wieder zurücknehmen.
Und in anderen Bereichen?
Es hat sich seit das Buch abgeschlossen ist in Deutschland nichts gebessert was z.B. eine Positionskultur angeht. Eher ist es still geworden um diesen klassischen Teutonenrock a la Witt und Rammstein. Die scheinen keinen großen Blumentopf mehr zu gewinnen. Also nicht mehr in dem Maße wie noch zu dem Zeitpunkt wo ich das Buch geschrieben habe. Heute Abend in meinen Vortrag will ich zeigen wie viele oppositionelle Bewegungen du in den USA im Moment hast und wie stark hier in Deutschland, was natürlich auch durch diesen komischen antiamerikanischen Backclash kommt, plötzlich die Popkultur auf Regierungskurs ist. Also du hast dort totale Verschiebungen. In Deutschland gibt es gerade keine große Welle von Opposition in der Musik, weil die meisten Leute nicht wissen wo sie da ansetzen sollen.
(Tina Plesch, Mitherausgeberin von der Testcard kommt hinzu)
Wenn wir hier schon am Ende sind möchte ich sagen das es eine kleine Bewegung gibt, das ist die Bewegung der Ladyfeste die hier seit letztem Jahr durchschwappt.
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