 | Neonazis marschieren in Suderwich |
 Für rechtschaffene Bürger waren es schockierende Szenen, die sich am Samstag Abend in Suderwich abspielten: Neonazis und Skinheads marschierten über die Esseler Straße, skandierten unter Drohgebärden radikale Parolen. Ein Großaufgebot der Polizei aus ganz NRW kesselte die zumeist jugendlichen Demonstranten der rechten Szene ein und löste die Versammlung auf. Festgenommen wurde niemand.
Das bislang größte Treffen dieser Art in Recklinghausen erwartet wurden rund 400 Teilnehmer traf die Einsatzkräfte keineswegs unvorbereitet. Schon seit Tagen wussten Polizei und Staatsschutz von einem geplanten Skin-Konzert mit einschlägig bekannten Gruppen (darunter die Hooligan-Band "Kategorie C"), die Einsatzhundertschaften waren in erhöhter Alarmbereitschaft. Als Veranstaltungsort hatten sie den Großraum Dortmund ausgemacht, erst am Samstag Abend deutete alles auf die "Surker Tenne" hin.
"Um 19.20 Uhr erfuhren wir von dem Treffpunkt, bereits eine halbe Stunde später stellten wir 130 Teilnehmer in der Tenne fest", so Polizeisprecher Hans-Bernd Tekotte. Ein Teil der Gruppe die meisten kahl geschoren und mit Springerstiefeln an den Füßen war zuvor per Linienbus nach Suderwich gefahren, andere kamen mit Privat-Pkw aus allen Teilen der Republik, wie die Kennzeichen verrieten. Um 21 Uhr riegelte die Polizei die Straße ab und verhinderte, dass weitere Rechte zur Tenne gelangen konnten.
Wie sich herausstellte, wollten sie alle den Geburtstag des bundesweit bekannten und mehrfach verurteilten Neonazi-Anführers Siegfried Borchardt feiern. Borchardt, in der Szene "SS-Siggi" genannt, ist Gründer der Hooligan-Gruppe "Borussenfront" und war bis zum Verbot 1995 Landesvorsitzender und stellvertretender Bundesvorsitzender der "Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei" (FAP).
"Vermieter sieht sich getäuscht"
Als Polizei und Ordnungsamt Gewissheit von dem Treffen hatten, verständigten sie Bürgermeister Wolfgang Pantförder. Er versuchte, Kontakt zu Jürgen Sauer, dem Vermieter der "Surker Tenne", aufzunehmen. Sauer, der sich nicht in RE aufhielt, übertrug Pantförder die Vollmacht, die Versammlung aufzulösen: "Der Vermieter hat den Veranstaltungsort nicht für diesen Zweck zur Verfügung gestellt. Er sieht sich arglistig getäuscht und will den Vertrag außerordentlich kündigen", erklärte Pantförder. Der Vermieter sei von einer privaten Feier, nicht aber von einem Neonazi-Treff ausgegangen.
Diese Botschaft überbrachte Pantförder dem Rechtsanwalt der Neonazi-Gruppe, der sich wohl in Erwartung eines Polizei-Einsatzes vor der Tenne aufhielt. Minuten später verließen tatsächlich die Ersten das Gelände, andere reagierten erst nach mehrmaliger Aufforderung durch die Polizei. Dennoch waren längst nicht alle gewillt, Suderwich sofort zu verlassen. Sie initiierten eine Spontan-Demo, die die Polizei gemäß des Grundrechts auf Versammlungsfreiheit duldete. Eskortiert von der Einsatzhundertschaft, zog eine ca. 50-köpfige Gruppe unter lautem Protest bis zum Lohwäldchen. Andere marschierten zum Kirchplatz und auf den Suderwicher Friedhof, ehe sie das Weite suchten. Gegen 23.30 Uhr konnten die Einsatzkräfte endlich abrücken, Ordnungsamtschef Axel Petersmeier die Tenne erleichtert abschließen.
Der Anwalt der Neonazis kündigte hohe Schadensersatzforderungen an und drohte Pantförder mit Protest-Märschen der Rechten.
Quelle: Recklinghäuser Zeitung vom 15.11.2004 |