 | Adolf Hitler für 13 Euro |
 Rund 250 Nazis haben sich am Abend des 2. Oktober zum wiederholten Male in Neumünster versammelt, um das achtjährige Bestehen des Nazizentrums Club 88 zu feiern. Zu den Klängen schwedischer Liedermacher, welche im Laufe des Abends immer lauter wurden und immer mehr nach Nazi-Rockmusik klangen, gab es diverse Nazi-Devotionalien wie T-Shirts, CDs und Hitler-Büsten aus Gips - das Stück zu 13 Euro - zu kaufen.
Die Vorgeschichte: Im Vorlauf des achten Club 88-Jubiläums wurde vor allem deutlich, dass es so gut wie niemanden mehr interessierte, wenn bald wieder einige hundert Nazis in Neumünster feiern bzw. durch die Innenstadt ziehen würden. Lediglich die VeranstalterInnen eines – zeitgleich zu der Nazifeier – stattfindenden Punkkonzertes machten sich Gedanken um die Sicherheit des antifaschistischen Konzertes und der AJZ an diesem Abend. Die antirassistische Initiative Grenzgänger e.V. schrieb einige Wochen vor der Nazifeier an den Stadtrat Humpe-Waßmuth (SPD) einen Brief, in dem die Sorge geäußert wurde, dass aufgrund der Erfahrungen der vergangenen Jahre und der großen Mobilisierung – u.a. öffentliche Werbung in der Deutschen Stimme und Flugblätter auf dem Heß-Gedenkmarsch in Wunsiedel – wieder einige hundert Nazis in Neumünster zu erwarten seien.
Humpe-Waßmuth hatte sich in der Vergangenheit als wahres Genie im Verharmlosen und Herunterspielen von Naziaktivitäten hervorgetan, entsprechend fiel auch diesmal seine Antwort, per Brief und wenige Tage vor der Nazifeier, aus. Wie auch in den vergangenen Jahren wird die Feier »hinsichtlich der Eigenart der zu erwartenden Gäste von der Ordnungsbehörde und der Polizei mit dem nötigen Einsatz Lage-Angepasst begleitet werden«. Informationen hinsichtlich eines Konzertes lägen nicht vor, man werde aber »auf Grund der derzeitigen Lage (...) kein Konzert zulassen«. Wodurch sich nun der stattgefundene und der Stadt bereits im Vorfeld bekannte Auftritt der Liedermacher von einem Konzert unterscheidet, bleibt Humpe-Waßmuth´s Geheimnis. Der Brief endet mit dem »Rat«, »den direkten Kontakt mit rechtsextremen Personen zu vermeiden und keinen Anlass für Konfrontationen (zu geben)«. Eine Aussage, die jedem – potenziellen – Opfer von Naziübergriffen die Sprache verschlagen wird.
Der 2.Oktober:
Ab 18 Uhr versammelten sich die Nazis - die wie üblich aus der gesamten BRD und Dänemark kamen – am Club 88 um dort und in einem Zelt auf dem Hinterhof zu feiern. Der Hinterausgang des Hofes wurde versperrt, so dass jeder Gast durch den Club selbst gehen musste, damit den BetreiberInnen von niemandem die fünf Euro Eintritt entging, die für den »Liederabend« zu zahlen waren. Die Polizei war während des ganzen Abends präsent - der Verkauf von Hitler-Büsten schien für sie aber ebenso wenig Grund zum Einschreiten, wie die 12–14jährigen Kinder, die besoffen aus dem Club 88 torkelten. Lediglich als zum Ende der Feier die Musik immer lauter wurde, begab sich die Polizei in den Laden, mit dem Ergebnis dass die Musik etwas leiser gestellt wurde.
Festzuhalten bleibt, dass die Nazis und ihre Kader – von denen neben Christiane Dolscheid, Henning Fessert, Martin Engelbrecht und Jan Steffen Holthusen anwesend waren - in Neumünster mal wieder einen ruhigen Abend verleben konnten. Positiv zu bewerten bleibt lediglich, dass das Punkkonzert in der AJZ, mit Ausnahme einiger vorbeifahrender Nazis, ungestört stattfand und die Nazis sich nicht so wie in den vergangenen Jahren in der gesamten Innenstadt und dem Bereich um den Hauptbahnhof herum ausbreiten konnten. Am Bahnhof tauchten nur zweimal kleinere Gruppen von Nazis auf, die sich aber schnell wieder zurückzogen und mit Taxen zum Club »Heil Hitler« fuhren.
Es ist festzustellen, dass das Thema Nazis in Neumünster schon lange kein Öffentliches mehr ist. Denn gerade durch dieses Schweigen der Öffentlichkeit können die Nazis immer mehr Konzerte und Feiern abhalten sowie ihre Strukturen ungestört aufbauen und festigen – wie der Club 88 oder der Athletik Klub Ultra. Diese Nazifeiern sind eben keine harmlosen Freizeitgestaltungen, sie dienen den Nazikadern als Einnahmequelle, sie verkaufen dort ungestört rassistische Hetzmusik und nationalsozialistische Symbole, Jugendliche und Kinder finden dort vielleicht zum ersten Mal Zugang zu Nazistrukturen. Gewerkschaften, Vereine und Verbände in Neumünster müssen einsehen, dass dem Naziproblem nicht durch singuläre Ereignisse wie den »Antinazi-Sommer«, ein paar große Demos oder, die »Wehrmachtsaustellung« begegnet werden kann, sondern nur in dem diese Problematik kontinuierlich thematisiert und bearbeitet wird.
antifaschistische aktion neumünster
Dieser Artikel erschien in der "enough is enough" Nr. 22, Winter 04/05 |