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Zu lange den Ball flach gehalten

Die Diskothek in Mücka ist zur braunen Bühne geworden. Nun ist es schwer, den rechten Spuk wieder zu vertreiben.

 

Mit der Frühlingssonne regt sich das Leben in Mücka, dem kleinen Dorf mitten in der Lausitzer Heide- und Teichlandschaft zwischen Hoyerswerda und Niesky. Doch die Mückaer machen sich dieser Tage nicht nur in ihren Vorgärten zu schaffen. Voller Sorge gehen einige durch den Ort, suchen das Gespräch über den Gartenzaun oder stecken Einladungen in die Hausbriefkästen.

 

Sie wollen einen braunen Spuk vertreiben, der sich im vergangenen Herbst und Winter festgesetzt hat in dem kleinen Dorf, das eigentlich mit seiner idyllischen Lage und der Ruhe wirbt, die Erholungssuchende hier finden können.

 

Einer von ihnen ist Andreas Herberg. Der Gemeinderat der Freien Wähler trägt Einladungen für den Mückaer Stammtisch breit. Anfang April wollen sich Herberg, seine Wählervereinigung und interessierte Mückaer zum ersten Mal treffen. Dann soll es auch um den guten Ruf des Dorfes gehen. Denn vielen stößt auf, dass Mücka als „Nazi-Dorf“ in aller Munde ist und kaum einer vom Biosphärenreservat der Unesco spricht, das gleich hinterm Ortsausgangsschild beginnt.

 

Das Problem liegt am Ortsausgang gleich hinter der Eisenbahnschranke und heißt germanisch „Diskothek Wodan“. Über dem Eingang schaut ein alter keltischer Krieger ziemlich finster auf die Besucher. An der Tür zur Dorfdisko sind noch die Spuren vom letzten Einbruchsversuch zu sehen. Doch Annett Myrtha will sich auf kein Gespräch einlassen. Zu schlecht seien ihre Erfahrungen mit der Presse, sagt die zierliche junge Frau mit der Nickelbrille, die das „Wodan“ vor einiger Zeit von ihrem Mann Erik übernommen hat.

 

Seit 1995 gibt es die Diskothek hier. Die örtliche Sparkasse finanzierte damals den Bau. Deren Verwaltungsräte aus der Kommunalpolitik dachten wohl an nichts Böses, als sie die Kredite befürworteten. Vielleicht hatte Erik Myrtha, der Vater des Projekts, ja anfangs auch gar nicht vor, sein Haus zur braunen Showbühne zu machen. Immerhin fanden hier auch ganz normaler Familientanz und Kinderveranstaltungen statt.

 

„Unser Ruf ist beschädigt“

 

Aber schon zwei Jahre später sorgten rechtsextremistische Skinhead-Bands im „Wodan“ dafür, dass die Polizei eingreifen musste. Im März 1997 sagte der MDR deshalb eine Frühlingsparty im „Wodan“ ab. Auch vielen Mückaern war nicht recht wohl, wenn bis zu tausend Glatzen aus vielen Teilen der Republik anreisten.

 

Erik Myrtha betonte stets, dass für ihn nur der geschäftliche Erfolg zähle. Vehement wehrte sich der junge Mann mit den langen Haaren, wenn er selbst in die rechte Ecke gestellt wurde.

 

Mittlerweile hat er sich offenbar verändert. Zwei Wochen vor Ostern jedenfalls greift er in der Diskothek zum Mikrofon und kündigt vor Dutzenden Zuhörern an: Auch er wolle nun in die rechtsextremistische NPD eintreten. Auch nach einer längeren Pause – angeblich konnten auch die eher trinkfreudigen Skinheads eine Insolvenz nicht aufhalten – versuchte die Disko mit einem bunten Allerlei auf die Beine zu kommen. Hier wurde schon mal Miss Ostsachsen gewählt, und hier schauten auch Schlagersänger wie Tony Westen vorbei. Aber es kam doch wieder so, wie schon vor Jahren. Mitte Mai 2004 trat der rechte Liedermacher Frank Rennicke in Mücka auf und machte Wahlkampf für die NPD.

 

Im August dann feierte die NPD ihr so genanntes Pressefest in Mücka und 7 000 Rechtsextremisten kamen, so der Verfassungsschutz. Alle Hotels der Gegend waren ausgebucht, die Gasthäuser voll, der Ärger hielt sich in Grenzen, und hinterher war alles wieder sauber.

 

Der Mix aus Volksfest mit Bullenreiten, rechter Propaganda und nationalistischem Sängertreffen hinterließ bei einer Reihe von Leuten durchaus Eindruck. Fast jeder fünfte Mückaer Wähler stimmte bei der Landtagswahl sechs Wochen später für die NPD, doppelt so viele wie im Landesdurchschnitt. Ein halbes Jahr vorher zur Kommunalwahl im Mai 2004 waren die Rechten im Dorf kein Thema gewesen.

 

Die rechtsextremistischen Strategen in Dresden erkannten schnell das Potenzial im Ort und begannen nach ihrem Einzug in den Landtag, das „Wodan“ zur braunen Schaubühne auszubauen. Rechte Konzerte wurden nun an Auftritte ihrer einschlägigen Propagandisten gekoppelt. An immer mehr Wochenenden sicherten nationale Umtriebe das wirtschaftliche Überleben des „Wodan“, während zum Beispiel die Mittelschule ihre Abschlussfeiern nicht mehr in der Disko machen möchte.

 

„Unser Ruf ist schwer beschädigt“, sagt Pfarrer Helmut Törne. Und auch der ehrenamtliche Bürgermeister Holger Theurich erkennt, dass das Ansehen der Gemeinde und aller Einwohner „massiv“ leide. „Es ist zu befürchten, dass die bisherige Ignoranz in Toleranz umschlägt.“ Ihn beunruhigten die rechten Konzerte.

 

Gegenhalten im Wodan

 

Deshalb lädt Bürgermeister Theurich schließlich zum Runden Tisch. Doch schon der Auftakt offenbarte das Dilemma: Zwar kommen viele Leute, um sich zu informieren, aber auch die Initiatoren der braunen Schaubühne erscheinen zu dem Treffen. Und weder die eingeladenen Rechtsextremismus-Experten vom Kulturbüro Sachsen noch ein Beigeordneter des Landrates sind der Konfrontation mit den geschulten NPD-Kadern gewachsen. Der Ton wird so laut, dass er den Runden Tisch schließlich sprengt.

 

Am Wochenende darauf greift die Staatsmacht in Mücka durch und trifft dabei im „Wodan“ auf NPD-Spitzenfunktionäre aus Dresden. Die empören sich und versuchen am 12. März mit einer „Diskussionsrunde gegen Volksverdummung“ zum verbalen Gegenschlag auszuholen. Etwa 80 Einwohner aus Mücka und Umgebung kommen ins „Wodan“. Zwar hatten Gemeinderat und Parteien dazu aufgerufen, das „Wodan“ zu boykottieren. Aber Andreas Herberg und einige Mückaer scheuten die Konfrontation nicht. „Wie wollen wir Gegendruck entwickeln, wenn wir diesen Leuten ausweichen“, sagt zum Beispiel Bernhard Saß. Der PDS-Mann war Technik-Lehrer an der Kamenzer Offiziershochschule, bis er 1988 auf elf Seiten dem Politbüro schrieb, was ihm nicht mehr passte und danach Beruf und Parteibuch verlor. Nun schämt er sich, „dass wir in Mücka geschlafen“ und nicht protestiert haben.

 

Vor einem Neuanfang

 

Mit einfachen Worten machen sich einige Mückaer Luft: „Wir wollen Sie hier nicht“, ruft eine Frau aufgeregt. Nach der Diskussion hat sie kein schlechtes Gefühl. „Jetzt wissen die wenigstens, dass sie nicht von allen im Dorf geduldet werden“, sagt sie auf dem Heimweg.

 

Die Sympathien für die NPD seinen längst nicht so ausgeprägt, wie es das letzte Wahlergebnis andeutet, sagt auch Andreas Herberg. 16 von den 18 Prozent der NPD-Wähler hätten nur „mal aufmucken“ wollen, meint der Gemeinderat.

 

Zudem fühlt sich Mücka allein gelassen mit seinen Problemen. Bürgermeister Theurich wirft wenige Tage vor Ostern sogar das Handtuch und beantragt seine Entlassung. Vor den Rechten habe er nicht kapituliert, betont er, fragt aber auch: „Wo war bis jetzt der Landrat, wenn es darum ging, sich vor Ort zu positionieren?“. Von oben sei nur der Rat gekommen: „Den Ball flach und die Medien möglichst rauszuhalten“.

 

So steht Mücka vor einem schwierigen Neuanfang. Der künftige Polit-Stammtisch hat reichliche Themen. Vielleicht muss sich Mücka bald noch intensiver mit den Rechten auseinander setzen. Wenn nämlich bei der Bürgermeisterneuwahl ein NPD-Mann antritt.

 

Quelle: Sächsische Zeitung vom 29.03.2005



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