 | "Fest der Völkchen" |
 Ein breites Aufgebot an Gegendemonstranten bot in Jena den etwa 500 Neonazis Paroli.
Seit Monaten hatte die rechtsextreme Szene zum „Fest der Völker“ nach Jena mobilisiert. Angeblich wurden Tausende von Teilnehmern aus ganz Europa erwartet. Die Veranstaltung auf dem Gelände des Hornbach-Baumarktes am Rande von Jena entpuppte sich allerdings als neueste Peinlichkeit.
Den vom Oberverwaltungsgericht Weimar zugewiesenen Griesplatz direkt an der Saale in Ost-Jena konnten die Neonazis am 11. Juni nicht beziehen, da Hunderte von Gegendemonstranten die Zugänge, „Nord – und Südpol“ genannt, ab 5.00 Uhr morgens besetzt hielten. Junge Leute harrten gemeinsam mit Gewerkschaftern, Stadträten und engagierten Anhängern der JG Stadtmitte um Pfarrer Lothar König aus, um Toilettenwagen und Brauereifahrzeuge nicht passieren zu lassen. Etwa gegen 10.00 Uhr zog die Polizei ihre Einsatzfahrzeuge ab und geleitete die Neonazis im Konvoi aus der Stadt, in Richtung Lobeda. Über 1700 Polizisten aus insgesamt sechs Bundesländern sollen im Einsatz gewesen sein, Beamte des hessischen Bundesgrenzschutzes nahmen später 42 friedliche Demonstranten, darunter den stellvertretenden Superintendenten aus Jena und einen IG-Metall-Vertreter, stundenlang in Gewahrsam.
Anstatt die Neonazi-Veranstaltung abzublasen, hatten Vertreter des Ordnungsamtes der Stadt den Neonazis um NPD-Kreischef Ralf Wohlleben und Kameradschaftsanführer Patrick Wieschke das abgelegene Baumarkt-Gelände offeriert. André Kapke, Bewohner des Neonazi-Hauses „Zum Löwen“ in Lobeda beschimpfte die zuständigen Beamten lautstark, trotz des zweifelhaften Kompromisses. Die Stimmung unter den Rechtsextremisten war gereizt. Schnell bauten sie Bühne und Biertische auf, bevor unzufriedene Gäste abreisten. Christian Hehl aus Ludwigsburg, Vertreter der braunen Knasthilfe HNG, der „Unabhängigen Nachrichten“, ein deutsch-ungarischer Freundeskreis, der Mädelring Thüringen und das Aktionsbüro Nord packten Kisten für Info- und Verkäufsstände aus. Neben Hehl tauchten noch weitere potenzielle Aktivisten aus dem Umfeld des 2000 verbotenen Blood&Honour-Netzwerkes auf. Jens Fröhlich aus Gera, Sänger der Band „Eugenik“, war für den technischen Ablauf der Rechtsrock-Feier zuständig. NPD-Vorständler Frank Schwerdt hielt eine seiner langatmigen Reden über das „Europa der Vaterländer“ zur Begrüßung.
Überraschend war, dass kaum überregionale Neonazi-Anführer anwesend waren. Obwohl sein WB-Versand zu den Unterstützern gehörte, hatte nicht einmal Thorsten Heise sich die Mühe gemacht, dem „Fest der Völkchen“ beizuwohnen. Etwa 500 Neonazis passierten Polizei- und Eingangskontrollen. Die Organisation lag bei thüringischen Neonazis wie Sebastian Reiche, Sandra Ziegler, Michael Burkert und Patrick Wieschke. Die Gruppen ausländischer Teilnehmer waren klein, keine umfasste mehr als eine Handvoll Anhänger. Delegationen aus der Slowakei und den Niederlanden hatten bereits die Nacht im Neonazi-Haus in Lobeda verbracht. Zunächst spielte die Band „Indiziert“ aus der Schweiz, dann die niederländische Gruppe „Brigade M“. In knallgrüner Uniform und perfektem Deutsch begrüßte der Mannheimer Student Claudiu Mihutiu aus Rumänien seine Kameraden. Constant Kusters aus den Niederlanden sprach so leise, dass kaum einer seinen Worten lauschte. Der britische Redner Stephen „Swiny“ Swinfen wurde von Wohlleben zwar freundschaftlich begrüßt, doch kaum einer der jungen Kameraden schien den bärtigen Neonazi zu verstehen. In martialischer Manier trat Wieschke auf die Bühne und wetterte gegen den Beitritt der Türkei in die EU. Überhaupt waren sich viele der Redner uneinig, wer denn nun zum „Europa der Vaterländer“ dazuzuzählen sei und wer nicht. Anschließend gab es weitere Grußworte und neben der schwedischen Neonazi-Band „Nothung“ spielten „Before the War“ und die französische Gruppe „Defiance“.
Über 8000 Gegendemonstranten zeigten den wenigen Neonazis in Jena Paroli. Einige Tausend gingen kilometerweit, um vor dem „braunen Haus“ von Wohlleben und Kapke in Lobeda zu protestieren. Nur wenige kamen bis zum Hornbach-Gelände am Rande der A 4 durch. Als die Motoren zweier Wasserwerfer angelassen wurden und das Gerücht vom „Völkerball“ der Antifas bei den Neonazis die Runde machte, witterten gewaltbereite Anhänger um Michael Burkert ihre Chance, doch noch etwas zu erleben, denn das „Fest der Völker“ erfüllte auch deren Erwartungen anscheinend nicht.
Andrea Röpke
Quelle: www.bnr.de |