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“Wir rocken den Reichstag“

Die Wahlkampfveranstaltung „Wir rocken den Reichstag“, welche die NPD am 6. August 2005 im Saarbrücker Stadtteil Fechingen durchführte, endete in einem Tumult. Während es der Partei in den letzten Jahren gelang, die militanten Neonazis einzubinden, zeigte sich hier, dass diese Kooperation nicht immer kalkulierbar ist.

 

Die NPD meldete ihre Wahlkampfveranstaltung „Wir rocken den Reichstag“ in der Festhalle am Schwimmbad in Saarbrücken-Fechingen regulär bei den Behörden an und bewarb sie im Vorfeld zielgruppenorientiert über ihre Jugendorganisation JN vorwiegend im jungen rechten Spektrum. Dennoch erfolgte die Anreise, wie von Konzerten „Freier Kameradschaften“ gewohnt, über einen Schleusungspunkt. Rund 300 Neonazis fanden an dem Samstagabend den Weg ins beschauliche Fechingen. Die Polizei war weit und breit nicht zu sehen, statt dessen Aktivisten des internationalen Netzwerkes „Blood & Honour“, die sich offen mit dem Schriftzug auf ihren T-Shirts präsentierten.

 

Eröffnet wurde der Abend von der französischen Band „Lemovice“. Die Gruppe ließ sich vom bundesdeutschen Recht nicht beeindrucken und brüllte unzählige Male „Sieg Heil“- nicht einmal die Video-Kameras und das Blitzlicht-Gewitter der Fotoapparate im Publikum hielten sie davon ab. Nur wenige schien es zu stören, dass hier von dem selbstverständlichen Fotografier- und Film-Verbot auf solchen Konzerten eine Ausnahme gemacht wurde. Die NPD gab sich alle Mühe, das Konzert und seine Besucher - für wen auch immer - zu dokumentieren.

 

Für die Skinheads lagen Teilnehmerlisten bereit, in die sie sich mit ihrer Post-Anschrift eintragen konnten. Im Anschluss an den ersten Auftritt enterte als erster Redner Peter Marx die Bühne und versuchte das Publikum mit der Ankündigung einzunehmen, dass man im Wahlkampf 250.000 Schulhof-CDs verteilen wolle – gemeint ist wohl die NPD-Version der in der Öffentlichkeit bekannten Propaganda- CD. Es folgten anschließend die Auftritte von „Hauptkampflinie“ aus Kassel und der niederländischen Bands „Brigade M“ und „Calslagen“, für die an jenem Tag eine Europa-Tournee begann. Obwohl letztere Pagan Metal, also heidnisch geprägten Heavy Metal spielen, traten sie ganz „ungermanisch“ nicht in mittelalterlicher oder ähnlicher Kleidung auf, sondern präsentierten sich in schwarz und mit Sturmhauben vermummt. Beim Publikum fand dieser militante Gestus indes Anklang – ebenso wie die Rede von Peter Naumann, der diesen „Fetisch“ mit seinen „Bombenbasteleien“ Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre ja schon hat Wahrheit werden lassen.

 

Nach dem Auftritt von „Calslagen“ betrat Sascha Wagnerdie Bühne und verkündete zur Überraschung der meisten Anwesenden, dass die Veranstaltung aufgelöst sei. Hintergrund dessen war wohl, dass es bereits zuvor im Publikum zu Auseinandersetzungen gekommen war, da hinter der Bühne an der Wand eine schwarz-rot-goldene Deutschland-Fahne hing – eine „Judenfahne“ bzw. „Fahne dieser Judenrepublik“, wie einige der Anwesenden hetzten. Ein „Blood & Honour“-Aktivist stürmte nach Wagners Ansage nach vorne und schüttete dem Überraschten ein Bier ins Gesicht. In der Folge kam es zu einer Schlägerei, die trotz großer Beteiligung schnell wieder beendet war - genauso wie das Konzert. Die Deutschland-Fahne wurde indes von einem wütenden Skinhead von der Wand gerissen.

 

In den letzten Jahren, ob beim „Deutsche Stimme Pressefest" in Mücka oder bei den Festivals in Gera, funktionierte die Zusammenarbeit zwischen NPD und militantem Straßenmob mehr oder weniger reibungslos. Auftauchende Probleme klärte die Security, die zumeist aus altgedienten Kadern und/ oder bekannten Schlägern besteht. Doch wenn sie nicht anwesend sind oder das Publikum ihre „Reputation“ nicht anerkennt, bekommt das fragile Miteinander Risse und Sprünge. Im unmittelbaren Anschluss an das NPD-Konzert in Saarbrücken griffen etwa 20 bis 25 Neonazis auf dem Saarbrücker St. Johanner Markt unter „Sieg Heil“-Rufen und mit „Hitler-Gruß“ mehrere Menschen an.

 

Dieser Artikel erschien in: DER RECHTE RAND Nr.96 Sep/Okt. 05


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