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KONTROVERS
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Interview mit Katzenstreik

01.11.03 

Wer seid ihr? Warum macht ihr Musik?

Wir sind Hagen, Bolle, Jörg und Tobi. Ich bin Tobi, wir sind vier Typen zwischen 23 und 37 Jahren, die seit sechs Jahren zusammen Musik machen. Warum machen wir Musik? Weil es Bock bringt, weil es gut tut und wir dadurch eine Menge Sachen erleben, die wir vielleicht sonst nicht erleben. Ansonsten zur Musik, da hat jeder einen unterschiedlichen Zugang wie er dazu gekommen ist.

 

Seid ihr eine politische Band?

Schwierige Frage. Also nach der klassischen autonomen Sichtweise sind wir eine politische Band, weil alles politisch ist. Wir sind eher ein Kollektiv, also ein musikalisches Kollektiv, das zusammen das Produkt Musik herstellt. Politisch sind wir in dem Sinne, das wir politische Prozesse haben innerhalb der Band. Dass wir uns als Band zu politischen Sachen verhalten, das tun wir eher nicht. Sondern eher so ein privatpolitischer Bereich, wo es einfach um so Sachen geht wie: wie gehst du mit Leuten um, zu welchem Label gehst du und in was für Läden spielst du. Das ist auf alle Fälle politisch oder spiegelt sich in einer politischen Kultur wieder, die etwas mit unserem Denken sehr viel zu tun hat.

 

Wobei ich ja schon finde, das wenn man sich eure Texte durchliest, ihr schon politische Texte macht. Also ich kann das raus lesen, wo ihr politisch steht. Die Themen die ihr behandelt, sind Themen die nicht jede Band so behandelt. Das sind schon persönliche Texte, wobei sich da gleich die nächste Frage anschließen würde. Wie kommen eure Texte an wenn ihr live spielt? Seid ihr dann die Emo-Heulsusen, können die Leute damit was anfangen? Und gleich noch eine spezielle Nachfrage dazu. Als ihr das letzte mal in Berlin gespielt habt, habt ihr gesagt, dass es auf dem Konzert am Vortag in Neubrandenburg ziemlich schrecklich war, weil da viele Idioten waren. Gibt es doch noch mehr Geschichten speziell wenn ihr im Osten gespielt habt?

Also erstmal denk ich, ist das keine spezielle Ostgeschichte. Die Sache in Neubrandenburg lief so ab, dass wir im Februar 2003 im AJZ Neubrandenburg gespielt haben. Da haben wir mit einer Band aus Australien gespielt, da war eine total komische Atmosphäre. Das Publikum mischte sich aus Leuten die sehr passiv eingeschüchtert wirkten, und einer Crew von zwanzig bis dreißig Glatzen. Wobei die Glatzen überhaupt nicht als rechts oder links oder als sonst was zu erkennen waren, wobei man ja bei Glatzen eigentlich ganz gerne weiss wo die stehen. Irgendwann hat sich herausgestellt, dass das so eine typische OI-Gang war, die halt irgendwie nicht links waren, aber auch nicht offen nazimäßig. Die haben halt Kassierer gehört und so’n Scheiß. Das komische war, dass zwei von den Typen irgendwie in die Struktur des Hauses eingebunden waren. Die waren schon da als wir ankamen, und haben hinterm Tresen gestanden und diese Mucke aufgelegt. Die Mucke wurde von Stunde zu Stunde beschissener, in Sachen Sexismus schon für’n Arsch und so Textzeilen die ich nicht genau verstanden habe, wo es aber in die rassistische Ecke ging. So etwas ist uns vorher so nicht passiert. Es war halt echt komisch für ein autonomes Zentrum, ich mein Idioten hast du auf jedem Konzert, das ist normal, aber dass da Leute in die Struktur eingebunden sind, die offen "OI" sind, das ist erstmal strange. Und dann war auch in Neubrandenburg das komische, dass niemand von den anderen Leuten aus dem Haus uns gegenüber mal erklärt hat wie die Situation in Neubrandenburg ist. Im Endeffekt haben wir beim Ende des Konzertes zugesehen dass wir unsere Sachen herauskriegen, alle anderen Leute bis auf die Oi-Gang auch geguckt haben, dass sie wegkommen sind. Da entstand ein Stimmung wo es so nur noch Sprüche gehagelt hat, und du echt das Gefühl hattest du bist in so einem Naziladen, wo du jeden Moment aufs Maul kriegen kannst, weil die Leute finden, dass du eine blöde Schwuchtel bist. Das ist die Geschichte aus Neubrandenburg.

Was sich in Neubrandenburg auch gezeigt hat, die Themen und auch die Art der Musik, kommt im gängigen Punkbereich meistens in die Schublade "Schwuchtel", wo wir kein Problem mit haben, weil es für uns nichts negatives ist. Was aber natürlich schon nervt auf Konzerten, wenn die Leute dich als Schwuchteln beschimpfen und das passiert eigentlich auch schon immer. Meistens passiert das an dem Punkt wenn wir sagen "ey Leute hört mal auf, auf der Tanzfläche euch auf die Fresse zu hausen". Dann hast du meistens verkackt. Sobald du als Band sagst, "ich find’s nicht okay, dass du deine Stiefel in die Waden von anderen rammst, zu der Musik die ich mache", dann bist du ein blöder Spießer und ´ne Memme. Das sind wir auch und deshalb haben wir da kein Problem mit. Spießer vielleicht nicht, aber für die Leute schon, das muss man sich echt nicht rein fahren, da mußt du halt als Band gegenpowern. Deshalb haben wir auch die letzt e Scheibe auch "Emowürstchen" genannt, das ist genauso wie der Begriff "Punk" früher Schimpfwort war. In Amiland wurden so Leute bezeichnet die im Knast vergewaltigt wurden. Das haben Leute irgendwann auch positiv besetzt. Wenn wir sagen, "okay wir sind Schwuchteln und wo ist das Problem?", dann können die Leute dich nicht mehr anmachen, weil es dich nicht in deiner heterosexuellen Identität kratzt. Wie war deine erste Frage noch mal?

 

Ich finde schon das eure Texte politisch sind, ich kann da was zwischen den Zeilen schon etwas herauslesen. Klar ihr habt nicht Texte, wie Nazis raus usw. Zum Beispiel, mit so Texten wie "Hassmaske", das empfinde ich schon als eine klare Aussage.

Also "Hassmaske" und "Vorgestern" sind Texte die ich geschrieben, die fallen aus den gängigen Texten ein bißchen raus, die sind ja schon Parolengedresche.

Ich kann das ganz gut verstehen, dass es Sachen bei dir anspricht, die du als politisch denkender Mensch erlebst. Das ist glaube ich eher eine subjektive Geschichte, natürlich spielt sich das schon in einem politischen Rahmen ab, weil derjenige der die texte schreibt ein politisch denkender Mensch ist. Es ist schon schwierig politische Texte zu schreiben, weil es meistens ganz stumpf ist. Klar es gibt schon Themen, die wir besetzten wollen oder zu denen wir etwas rüberbringen wollen. Sexualisierte Gewalt oder dieses Mackerteil.

Irgendwie sträube ich mich ein bißchen gegen den Begriff, weil ich uns nicht als politisch aktive Menschen wahrnehme. Da ist eher so eine Distanz, wir haben aber einen Background.

 

Um noch einmal auf die Neubrandenburg-Geschichte zurückzukommen. Die Leute die da rumgestresst haben, würden sich bestimmt selber als "unpolitisch" definieren. Denkst du es gibt "unpolitische" Menschen? Oder ist der Begriff "unpolitisch" nicht eh schon völliger Quatsch, weil was soll er aussagen.

 

Unpolitisch heißt ja nur, ich will mich zu politischen Themen nicht positionieren. Vielleicht sollten sich die Leute "unpositionistisch" nennen. Also "unpolitisch" gibt es so erstmal nicht, also wenn du sagst, "ich finde das alles hier so gut, wie soll denn das anders gehen, wir brauchen den Kapitalismus", dann ist das eine politische Position, ein Argument für den Kapitalismus. Für mich gibt es keine unpolitischen Menschen, es gibt Leute die sich nicht für Politik interessieren, und es gibt keine Menschen die nicht denken, es gibt keine Menschen die nicht Aussagen über etwas treffen.

 

Wo ist denn für dich oder für euch die Grenze von Bands mit denen ihr spielt, weil im herkömmlichen Kontext gibt es viele Bands die sagen okay wir spielen nicht mit offen rechten Bands zusammen. Aber beispielsweise so Bands wie Loikaemie sagen auch wir sind gegen rechts, oder Agnostic Front die anderseits auf den Covern ihre Nationalfahne haben und krasse homophobe Sprüche reissen. Wo ist da für euch die Grenze, weil das ist auch ein schwammiger Begriff von rechts.

Wir haben noch nie den Fall gehabt das wir gesagt haben, wir spielen mit der und der Band nicht zusammen. Doch einmal haben wir mit so richtigen Idioten zusammengespielt. Aber das waren einfach nur Idioten, die waren politisch bestimmt auch voll für’n Arsch. Die haben uns einfach nur genervt, weil die voll rumgemackert haben. Wenn wir das vorher wüßten, denn wär das halt Thema und wir würden uns da Gedanken zu machen. Ich kann keinen Grundsatzkatalog erstellen, weil dann würde ich wahrscheinlich mit ziemlich wenig Bands zusammenspielen. Denn es gibt genug Bands die sich gar nicht positionieren oder die wie Loikaemie oder Agnostic Front so eine Mackerattitude haben und einfach nur so Mucke machen und wahrscheinlich die voll überzeugten Kapitalisten sind. Ich finde es auch schwer das nur an dem Naziteil aufzumachen, weil das ist für alle klar dass niemand mit Nazis zusammenspielt. Ich finde die anderen Sachen kommen immer zu kurz. Also was ist mit Antisemitismus, was ist mit "Children of Fall", weiß nicht ob ihr die Story kennt?

(das Gespräch driftet kurz ab zu Sin Dios)

Also mit "Children of Fall" gab es eine Auseinandersetzung, weil jemand aus der Band ein T-Shirt mit dem Aufdruck "burn Israel burn" anhatte, worauf es eine Menge Kritik gab und er auch gebeten wurde das auszuziehen. Das ganze Teil hat sich ein bißchen hochgekocht, weil die Typen einfach auch eine antizionistische Haltung haben. Die sind auf Scene Police, das ein Label ist, was ziemlich politisch fitte Leute machen, die meinten zu denen "Leute das geht überhaupt nicht was ihr macht". Es gab einen e-mail-Verkehr und es wurde viel in Foren diskutiert, bis sich halt abgezeichnet hat, ich weiß auch nicht was da jetzt im Endeffekt rausgekommen ist, das die das einfach nicht gerafft haben, die Kritik überhaupt nicht verstehen. Wir konnten mal ein Konzert spielen, weil die abgesagt wurden. Da haben die Leute, die das Konzert organisierten, den e-mail-Verkehr gegeben. Das fande ich eine total coole Ebene der Auseinandersetzung und das ist das was ich an diesen Strukturen so liebe, dass es Leute gibt die mehr als nur die Musik wichtig finden und Bands die antisemitischen Müll auf ihren T-Shirts zu stehen haben, nicht spielen zu lassen. Diese Transperenz zu haben fand ich geil, da fühlte ich mich zu Hause und da habe ich dann auch viel mehr Bock zu spielen.

 

Was ist Punk oder Hardcore als Identitätsbegriff für dich? Also wenn du dir ankuckst was das für eine Szene ist, was da teilweise für Scheißbands rumhängen, finde ich es zum Teil immer schwer, weil das viel mit meiner Geschichte zu tun hat, irgendwie empfinde ich mich auch so, aber irgendwie kann ich mich da auch wieder total von abgrenzen. Wie würdest du die Band in dieses Identitätsding einordnen? Sagt ihr, wir sind eine Punkband oder sagt ihr mit dieser Scheißszene haben wir nicht zu tun.

Gute Frage. Das ist auf jedenfall eine Identitätskonstruktion in dieser Gesellschaft, die meinen Vorstellungen am nächsten kommt. Diese Szene ist von dem was sie an Strukturen hat, auf alle Fälle das, was meinen Vorstellungen und Ansprüchen am nächsten kommt. Natürlich finde ich mich da nicht immer zu Hause und kann mit ganz vielen Sachen auch nichts anfangen. Ich gehe selber eher selten auf Konzerte, ich kauf mir eigentlich kaum Musik und bin auch kein Punk. Aber ist gibt diesen Flash, du bist in einer anderen Stadt und gehst auf ein Punkkonzert und fühlst dich so wohl, du betrinkst dich nett und das ist so diese Abschaumromantik. Das ist so die Wut, Leuten denen es dreckig geht, die das aber kreativ nach aussen richten, nicht verrecken in der Ecke, sondern raus auf ein Konzert gehen und ihren Untergang feiern. Das ist total super. Ich selber will mich nicht so auf Identitäten festlegen, ich lauf heute gern abgeranzt rum, aber morgen auch gern total schick. Das beschissene an so Identitäten ist, dass die Leute erwarten, dass du so und so rüberkommen müßt, das ist Bullshit. Mit Identitäten mußt du spielen.

 

Ihr nehmt in euren Texten Stellung zum Thema Sexismus und sexualisierte Gewalt. Wenn man sich die Punk- und Hardcoreszene ansieht, ist das eine fast reine Männerszene, klar gibt es hier und da eine Frauenband, bei Katzenstreik einen hohen Frauenanteil. Ich finde es verdammt schwer für eine Band die den Anspruch hat, antisexistisch zu seien, mit der Tatsache umzugehen, trotzdem eine Männerband zu sein. Glaubt ihr, dass es eine Möglichkeit gibt, das zu durchbrechen?

 

Wie leben in einer männerdominierten Gesellschaft, insofern ist die Punkszene auch männerdominiert. Ich will nicht auf der Bühne stehen und zu den Frauen sagen "ey, jetzt mach doch auch mal eine Band", keine Ahnung. Du bewegst dich da eh nur in Widersprüchen, Antisexismus ist ein Anspruch und bleibt abstrakt. Klar wird es nicht abstrakt, wenn wir auch Konzerten gegen Typen machen, die Leute rumschubsen oder Frauen wegboxen, dann verhalte ich mich schon dazu. Das einzige was du machen kannst ist, dich mit deinem Verhalten auseinanderzusetzen und dich bei Scheisse die passiert, positionieren. Du kannst Frauen den Raum nicht geben, sie müssen sich ihn nehmen. Aber was wir da machen, scheint nicht selbstverständlich zu seien. Bei einem Konzert in Marburg, gab es Punker die sind super abgegangen, dann meinten wir "hier ‚ne Kiste Bier, dann macht ihr mal ein bißchen ruhiger", manchmal funktioniert das. Es bringt nichts zu sagen, "du tanzt scheisse, verpiß dich", das beste ist halt, dass die Leute das raffen und die Leute nicht darauf abfahren, was die da machen. Da hat das nicht so funktioniert, da waren ein paar Punker, der Rest waren Frauen die getanzt haben und hat der eine Punk mit Absicht die Frauen angerempelt. Dann haben wir zwei- dreimal aufgehört zu spielen, und mußten es immer weiter probieren, weil auch nicht Entschlossenheit da war bzw. Leute gesagt haben, du gehst jetzt. Dann als sich das richtig hochgeschauckelt hat, bekam der eine von `ner Frau gezogen und ist gegangen. Im Nachhinein kamen Leute zu uns an und meinten, dass es das erste mal war, dass sie so etwas erleben, dass eine Band überhaupt dazu was sagt. Die meinten, dass sei völlig normal, dass die Typen auf Konzerten so abgehen. Heute abend wird das auch wieder so werden, ich weiß das jetzt schon, ich hab da so gar keinen Bock drauf.

 

Hompage:http://www.katzenstreik.org


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