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Überangebote in der fränkischen Neonazi-Erlebniswelt

Drei Rechtsrock- Konzerte sollten es sein, die alleine am Abend des 4. März 2006 im Umkreis von etwa 150 km in Franken geplant waren. Da ist es dann auch wenig verwunderlich, wenn der gemeine fränkische Neonazi- Mucke- Liebhaber arg mit sich und seiner Entschlusskraft – welches Event er denn aufsuchen solle - zu ringen hat. Die üblichen Neonazi-Foren dokumentieren diese geistigen Anstrengungen ausführlich.

 

Schenkt man der Polizei Mittelfrankens Glauben, dann wäre das Konzert in einer Gaststätte in Großlellenfeld, etwa 20km südlich von Ansbach, das aus Neonazi-Sicht am wenigsten erfreuliche gewesen. In einer Presseerklärung verkündete diese, dass sie „ein Skinhead-Konzert (...) mit einer Szene-Band" aufgrund fehlender Genehmigung untersagt hätte. Zuvor wären bereits alle 200 Besucher – aus Bayern, Baden-Württemberg, Ostdeutschland, der Schweiz und Österreichbei der Zufahrt kontrolliert worden. Drei Besucher sollen zudem wegen des § 86a rechtliche Konsequenzen zu tragen haben. Im deutlichen Widerspruch zu dem hier gezeichneten Ablauf des Abends durch die Polizei stehen jedoch zahlreiche Erlebnisberichte in unterschiedlichen Neonazi-Foren. So hätte das Konzert mit den Bands BURNING HATE, ANGRIFF, PROPAGANDA, RADIKAHL und RAZORS EDGE sehr wohl, jedoch mit einer Unterbrechung durch die Polizei, stattgefunden. Bemängelt wurden von dieser Seite ausschließlich die mangelhafte Anlage und die kalten Temperaturen – auch in den Räumlichkeiten.

 

Bewegen wir uns auf der Landkarte etwa 50 km gen Norden tippen wir mit dem Zeigefinger irgendwann auf Höchstadt an der Aisch. Hier in der Nachbarschaft liegt das Örtchen Gremsdorf mitsamt der Gaststätte Göb, welche seit Jahren eine beliebte Herberge extrem rechter Veranstaltungen ist. Fast schon traditionell fand zu Beginn des neues Jahres ein NS- Black-Metal- Konzert in Gremsdorf statt. Etwa 200 Besucher, vornehmlich aus der Region, waren erschienen, um die Auftritte der Bands FORGOTTEN DARKNESS, MORRIGAN, TOTENBURG und ABSURD zu verfolgen. Seit Februar wurde hierfür in diversen Black-Metal-Foren geworben. In der Woche vor dem Konzert, am 25. Februar 2006, fand in der Gaststätte Göb im übrigen das „38. Tscherkassy-Treffen / Tag der Deutschen Wehrmacht" der „KAMERADSCHAFT DER TSCHERKASSY-EINHEITEN" statt. [1]

 

Letzte Station unserer Rundreise ist das oberfränkische Städtchen Wunsiedel, das durch die hier stattfindenden Rudolf-Hess-Gedenkmärsche alljährlich in den Blickpunkt gerät. Im Schatten dieser Medienbrenner gedieh – jedoch weitegehend unbemerkt von regionaler wie überregionaler Öffentlichkeit – eine umtriebige Neonaziszene. Organisatorisch spiegelte sich dies einerseits in der Gründung des JN-Stützpunktes Wunsiedel und andererseits im Zusammenschluss KAMERADSCHAFTSBUND HOCHFRANKEN um die KAMERADSCHAFTEN WUNSIEDEL und HOF wider. Hinsichtlich der Infrastruktur sind die Wunsiedeler Neonazi-Szene-Kneipe Lokalbahn und der Tattooladen mit angeschlossenem Versand HATED & PROUD in Thierstein bei Selb zentral. Die Kneipe tritt regelmäßig durch Veranstaltungen, sei es beispielsweise ein Vortrag des bekannten Neonazis Thomas „Steiner" Wullff aus Hamburg im Februar diesen Jahres oder Rechtsrock-Konzerte, in Erscheinung. Am Samstag nun fand – in der Reihe „Hate Train Rolling" – ein Konzert statt, für das u.a. die Bands OSTFRONT, DNA und die „local heroes" BRAUNE BRÜDER angekündigt waren. Etwa 100 Besucher vornehmlich aus Bayern, Sachsen und Thüringen sind dazu erschienen.

 

Bleibt abschließend die Aufgabe der Bewertung dieses ereignisreichen Abends. Würde man von einer „straff" organisierten Neonazi-Bewegung ausgehen, dürften diese parallel verlaufenden Konzerte in relativer Nähe entweder Erstaunen oder die Befürchtung einer strategischen Konzentration der Neonazis auf eine Region hervorrufen. Jedoch ist die in ihrer Erscheinungsform aktuell äußerst pluralistische und in ihren „Ballungsgebieten" organisatorisch unabhängige Neonazi-Bewegung letztendlich selbst als ursächlich für diese Überschneidungen anzusehen. Auch wenn das von den Organisatoren der Events hinsichtlich der Besucherzahlen und damit auch des finanziellen Ertrages sicherlich ambivalent gesehen wird. Essenz des Abends wird also für die fränkische Neonazi-Szene sein, dass deren Protagonisten den Vorsatz fassen, sich zukünftig „besser" abzusprechen. Das nehmen sie sich allerdings in regelmäßigen Abständen immer wieder vor, geändert hat sich bis dato allerdings wenig – und das wiederum ist gut so.

 

Marco Kuhn

 

[1] Siehe hierzu den Artikel „Im alten Käse rumrühren" auf der adip- Homepage (http://adip.antifa-archiv.org).





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