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Haben die Mügelner selber Angst?

Die Band Virginia Jetzt! setzte ein Zeichen: Sie brach am vergangenen Sonntag ihr Konzert in Mügeln ab - aus Empörung über das mangelnde Problembewusstsein der Bewohner nach der Hetzjagd auf acht Inder. Die Berliner Zeitung sprach mit Sänger Nino Skrotzki.

 

Was war das für ein Konzert ?

Nach den Übergriffen auf die Inder gab es einen offenen Brief zweier Kulturschaffender aus Mügeln, die dem MDR einen Dialog zwischen den Fronten vorschlugen. Das, was passiert ist, sollte nicht unter den Tisch gekehrt werden - sie wollten darüber reden, dass es in Mügeln und anderswo Fremdenfeindlichkeit gibt. Das war ein Grund für uns, hinzufahren. Wir waren schon ein bisschen skeptisch, dass das Ganze in eine Werbeveranstaltung für die Region abdriften würde. Aber die Veranstalter haben uns diese Sorgen genommen: Die hatten die gleiche Intention wie wir. Nur leider ist es dann schon bei der Podiumsdiskussion in eine völlig andere Richtung gegangen.

 

Was ist passiert?

Die Podiumsdiskussion war sehr, sehr zahm. Es waren Vertreter verschiedener Gruppen da, der Bürgermeister und die beiden Mügelner, die die Veranstaltung initiiert haben. Es entstand aber überhaupt kein Dialog. Wenn etwas Kritisches kam, etwa von den Initiatoren, dann wurden sie als Nestbeschmutzer beschimpft. Einer von der Organisation gegen rechte Gewalt sagte, dass rechte Gewalt eine Tatsache sei, natürlich gäbe es Fremdenhass. Er wurde ausgebuht. Dann behaupteten Leute aus dem Publikum, dass es in Mügeln und in ganz Sachsen keine Fremdenfeindlichkeit gäbe. Applaus.

 

Die Leute klatschten also?

Ja. Dass es da tatsächlich so eine Ignoranz gibt! Nach dem Motto: Wir sind die eigentlichen Opfer, der Wirtschaftsstandort ist gefährdet, es war nur 'ne Schlägerei und die Inder waren doch selbst schuld - so weit ging es. Das hat dazu geführt, dass wir unseren Auftritt änderten.

 

Kam es deshalb zum Abbruch?

Wir haben diesen Tag verfolgt, wurden immer enttäuschter und auch empörter. Wir konnten nicht glauben, was wir hörten. Vernünftige Argumente wurden gar nicht wahrgenommen. Es gab am Nachmittag schon ein paar Bands, die kein Wort über das Thema verloren haben, die sagten nur: Hier lebten lauter friedliche Menschen. Da haben wir uns überlegt: Was können, was müssen wir tun? Uns war klar, wir können kein normales Unterhaltungskonzert spielen. Also sind wir auf die Bühne gegangen und haben ein Stück gespielt, haben dann den Leuten erklärt, wie enttäuscht wir über die Richtung sind, die der Tag genommen hat, haben an sie appelliert und sie gebeten, wirklich einmal in sich zu gehen, darüber nachzudenken und zu überlegen, ob es nicht doch Anzeichen für das gab, was passiert ist. Bekanntlich beginnt doch Fremdenfeindlichkeit im Kopf. Dann spielten wir noch ein Stück und gingen von der Bühne.

 

Wie reagierten die Mügelner darauf?

Sie waren eher unbeteiligt. Alles in allem schien es den Leuten egal zu sein. Oder sie wollten ihre Meinung nicht äußern. Am nächsten Tag haben wir sehr viele Mails bekommen, darin stand: Ihr habt genau das ausgesprochen, was wir denken, aber wir trauen uns nicht, es zu sagen. Es gäbe eine dörfliche Struktur und eine große Abhängigkeit, da sei es nicht leicht, den Anfang zu machen.

 

Haben manche Mügelner also selber Angst?

Es ist ja schon bezeichnend, dass über eine Woche nach der Hetzjagd die Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist, weil es trotz vieler Zuschauer noch keine klare Zeugenaussage gibt. Es ist bestätigt, dass Leute rechte Parolen gerufen haben, aber das Gegenteil wird behauptet - das ist absurd! Dieses kollektive Verleugnen, das war es, was uns so bestürzt hat. Natürlich ist es schwer, zuzugeben, dass wir alle Schuld haben.

 

Welche Konsequenzen ziehen Sie?

Wir sind keine politische Band, aber wir sind gegen Fremdenfeindlichkeit. Es ist keine politische Sache, gegen rechts zu sein, sondern eine Frage der Vernunft. Da setzt man schon ein Zeichen, wenn man einfach da ist. Wir fanden es eine völlig richtige Entscheidung, dort hinzufahren und die Stimmung zu spüren. Was wir dann erlebt haben bestätigt uns eigentlich nur darin, viel öfter unsere Meinung zu sagen.

 

Das Gespräch führte Inga Haese.

 

Quelle: Berliner Zeitung vom 30.08.2007


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